
Doppelnord im Bünztal
Wie zwei Gemeinden versuchen, ihre wirtschaftlichen Schätze zu heben. Ein Erlebnisbericht
16.06.2026 – Das Leben ist voller Tücken. Vor allem, wenn man ein so altes Auto hat wie ich. Gebe ich doch im Navigationssystem die Adresse einer Event-Location ein, zu der ich freundlicherweise eine Einladung erhalten habe. Was mich umso mehr freut, als der Anlass im Gebäude einer Firma stattfindet, die bei mir im Newsletter schon mal inseriert hat. Also: Villmergen, Nordstrasse 7. Getippt, getan, doch das Navi findet die Nordstrasse nicht. Hm, denke ich, womöglich liegt die Nordstrasse 7 auf Grund von Wohlen, ist ja gleich nebenan. Und wirklich: Nordstrasse Wohlen ergibt mir einen Treffer und ich brause los. Eine halbe Stunde und ein paar Stauhalts später treffe ich am Bestimmungsort ein. Von Richnerstutz, der Firma, wo ich hin muss, keine Spur. Dafür Winkler Veranstaltungstechnik, was mich auch freut. Denn auch diese Unternehmung kenne ich bestens, habe ich sie doch damals für Novartis engagiert, als ich für die Durchführung der Jahrespressekonferenz zuständig sein durfte. «Nein», sagt mir der freundliche Herr von Winkler. «Richnerstutz ist in der anderen Nordstrasse, jene in der Nachbargemeinde».
Sollte jemand, der an diesem Anlass teilnahm, sich gewundert haben, warum ich zehn Minuten zu spät eintraf, sei hiermit Klarheit geschaffen. Auf Klarheit komme ich zurück.
Worum gings denn überhaupt an diesem Anlass? Die beiden Gemeinden Wohlen und Villmergen in der Region Bünztal wollen ihre Wirtschaft voranbringen. Das ist ihr voller Ernst, obwohl es dort schon sehr viele Firmen hat oder gerade weil das so ist. Deshalb haben sie eine Eingabe beim Kanton gemacht, um ein abgegrenztes Gebiet, das teilweise auf Wohlener Boden und teilweise auf Villmerger Boden liegt zu einem ESP, einem Entwicklungsschwerpunkt aufklassieren zu lassen. Es hat geklappt. Und der Anlass war der Ort, wo ein Zwischenbericht veröffentlicht und die Idee eines neuartigen Gebietsmanagements präsentiert wurde. Auch der Aargauer Regierungsrat Stephan Attiger war anwesend, lobte die Bestrebungen und signalisierte Support. «Wir bieten Unterstützung in finanzieller und personeller Hinsicht», betont er auf meine Nachfrage.
Das Projekt ist denn auch von langer Hand vorbereitet und wird umsichtig geführt. Die Region hat das Glück, in der Person von Claudia Heger eine bestens ausgewiesene Fachkraft für Standortmanagement gefunden zu haben, die auch von einem Mandat im Luzerner Seetal Erfahrungen einbringen kann.
Die Ergebnisveranstaltung nun stützte sich auf einen Ergebnisbericht, der seit einigen Wochen auf der Webseite der Wirtschaftsförderung Bünztal aufgeschaltet ist.
Ausgehend von einem Standortprofil, das eine «gute Erreichbarkeit sowohl mit dem Auto als auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln» ausweist, was insbesondere für den MIV problemlos unterschrieben werden kann aus meiner Sicht, wollte die Region Potenziale ermitteln und Handlungsfelder identifizieren und startete gemeinsam mit dem Kanton 2023 das Projekt. Man begann mit Projektorganisation und der Beschaffung von Planerleistungen, die im Herbst 2024 in eine sehr ausführliche Potenzialstudie ausmündeten. Nach einer Auftaktveranstaltung im März 2025 wurde eine Online-Umfrage zu spezifischen Bedürfnissen und Entwicklungsabsichten durchgeführt. Deren Resultate flossen in die Arbeiten von Spurgruppen ein, die bis ins aktuelle Jahr dauerten. Mit der Umsetzung der Massnahmen konnte im März begonnen werden und die Ergebnisveranstaltung vom 15. Juni bildete den krönenden Meilenstein der bisherigen Arbeiten. Claudia Heger ist über das bisher erreichte erfreut: «Ich nehme ein grosses Engagement der Gemeinden wahr und es war schön zu sehen, wie aktiv an der Online-Umfrage und in den Spurgruppen gearbeitet wurde.» Es sei problemlos gewesen, Teilnehmende für die Spurgruppen zu finden. «Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob wir Repräsentativität haben herstellen können bei der Bestückung der Spurgruppen.»
Der Schritt nach vorn soll nun ein spezifisches Gebietsmanagement bilden, das von einer Person wahrgenommen werden soll, die sich um die Anliegen der Wirtschaft kümmert. Doch nicht nur das: «Diese Person soll», wie Claudia Heger erläutert, «die Anliegen der Wirtschaft aufnehmen und an dafür zuständige Stellen weiterleiten und somit auch ein Sensor für die Bedürfnisse sein.»
Das Publikum im Saal nahm die Ausführungen zur Kenntnis. Einzig beim Thema des Gebietsmanagement wurde gefragt, ob das mit der bestehenden IG Allmend, die ebenfalls Anliegen der betroffenen Wirtschaft aufnimmt, abgestimmt sei.
Der Apéro wurde jedenfalls für anregende Gespräche ausgiebig genutzt. Ralph Ingold, Inhaber eines Verpackungsgeschäfts, findet insbesondere die Vernetzungsmöglichkeiten als Ausfluss der Arbeiten im Entwicklungschwerpunkt als gut, angenehm und hilfreich. Sein Hauptproblem allerdings, das wird auch durch den Entwicklungsschwerpunkt nicht gelöst: «Ich möchte erweitern, doch es gibt kein Land, das ich erwerben und bebauen könnte.»
Ach ja, zurück zur Nordstrasse. Bei der Verkehrserschliessung ist man sich allseitig bewusst, dass sie beim ÖV nicht optimal ist. Daran scheint man aber nichts ändern zu können oder zu wollen. Man fokussiert nun auf die «Verbesserung der arealinternen Erschliessung». Sicher eine gute Sache.
Und in diesem Zusammenhang mag man evtl. auch darüber nachdenken, ob es wirklich Sinn macht, in zwei Gewerbegebieten zweier Nachbargemeinden zwei Strassen zu führen mit vielen Gewerbebetrieben, die denselben Namen haben.






