Aarau wird Kulturhauptstadt – und zeigt, was Kultur für eine Stadt bewirken kann

Aarau wird 2030 Kulturhauptstadt der Schweiz. Was zunächst nach einem besonders grossen Kulturfestival klingt, soll für die Stadt weit mehr werden: ein Projekt, das Kultur, Stadtentwicklung, Standortförderung, Gewerbe, Tourismus und Bevölkerung miteinander verbindet.

Und vielleicht kommt die Auszeichnung gerade zur richtigen Zeit. Denn fast gleichzeitig bescheinigt eine neue UBS-Untersuchung Aarau eine ausgesprochen hohe Wohnattraktivität. Bei Familien mit mittlerem Einkommen erreicht die Stadt in der Region Zürich–Aarau–Schaffhausen den ersten Rang. Bewertet wurden dabei nicht weniger als 38 Faktoren – von Erreichbarkeit, Schulen und medizinischer Versorgung über Einkauf, Gastronomie und Sport bis zu Grünflächen, Mieten, Steuern und Krankenkassenprämien.

Das Interessante daran ist weniger der Rang als das Gesamtbild. Aarau scheint vieles von dem zusammenzubringen, was eine attraktive mittelgrosse Stadt ausmacht: gute Infrastruktur und Erreichbarkeit, ein breites Freizeitangebot und gleichzeitig Lebenshaltungskosten, die unter jenen der grossen Zentren liegen.

Nun kommt die Kultur hinzu – beziehungsweise erhält sie eine noch grössere Bühne: Aarau setzte sich bei der Bewerbung um die Kulturhauptstadt 2030 gegen Bellinzona, Lugano und Thun durch. Das Leitmotiv lautet «Aarau verbindet: Menschen. Räume. Zeit.» Kulturschaffende, Vereine und Bevölkerung wurden bereits in die Bewerbung einbezogen. Nun beginnt die eigentliche Arbeit. Ein Trägerverein wurde gegründet, eine Geschäftsstelle soll folgen, Mandate werden vergeben und ein breites Netzwerk aufgebaut. Bemerkenswert ist dabei, dass das Projekt ausdrücklich nicht allein der Kulturszene überlassen wird. Im Trägerverein sitzt mit Danièle Turki auch die Leiterin der Standortförderung Aarau.

Das sagt einiges darüber aus, wie die Stadt das Projekt versteht. Melanie Morgenegg, Leiterin Kultur der Stadt Aarau, beschreibt im Interview mit der Aargauer Zeitung eine Kulturhauptstadt, die weit über Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellungen hinausgehen soll. Netzwerke zwischen Kultur, Gewerbe, Tourismus und Gesellschaft sollen entstehen.

Dabei kann Aarau auf einem bemerkenswerten Fundament aufbauen. Nach Morgeneggs Worten findet in der Stadt heute bereits an beinahe 365 Tagen im Jahr «Kultur» statt. In den vergangenen Jahren wurde zudem kräftig in die kulturelle Infrastruktur investiert: Stadtmuseum, Alte Reithalle und KIFF gehören dazu. Im Kulturhauptstadtjahr sollen diese Einrichtungen nationale Aufmerksamkeit erhalten.

Aber es soll nicht einfach mehr vom Bestehenden geben. Ausgewählte Ausstellungshäuser könnten während eines Jahres kostenlos zugänglich sein. Unter dem Titel «Nebelleuchten» könnten Veranstaltungen bewusst in jene Monate gelegt werden, in denen sonst weniger los ist. Der Altbau des KIFF könnte zwischengenutzt werden. Selbst Gondelübernachtungen an der Aare stehen als Idee im Raum.

Gerade solche Überlegungen zeigen, weshalb die Kulturhauptstadt auch für Gemeinden interessant ist, die selbst niemals Kulturhauptstadt werden dürften. Es geht um eine grundsätzliche Frage: Wie kann eine Gemeinde das, was sie bereits besitzt, neu miteinander verbinden und daraus etwas schaffen, das ihre Bevölkerung ebenso anspricht wie Menschen von ausserhalb?

Klein ist das Aarauer Vorhaben nicht. Das Gesamtbudget beträgt knapp zehn Millionen Franken. 70 Prozent sollen Stadt, Kanton und Bund tragen, die restlichen 30 Prozent Private, Sponsoren und Stiftungen.

Eine klassische Wirtschaftlichkeitsrechnung hat Aarau dafür nicht erstellt. Der erwartete Ertrag lässt sich ohnehin nur teilweise in Franken messen. Es geht um Sichtbarkeit, neue Verbindungen, kulturelle Teilhabe und ein gestärktes Selbstverständnis von Stadt und Region.

Bemerkenswert ist auch, dass dieses Grossprojekt nicht einfach von oben verordnet wurde. Im Rahmen des Stadtmonitorings wurden 5000 Personen zur Idee befragt. Laut Morgenegg waren die Reaktionen sehr positiv. Der Einwohnerrat bewilligte das Budget schliesslich mit einer Dreiviertelmehrheit.

Und grundsätzlich scheint sich die Bevölkerung in ihrer Stadt wohlzufühlen. Im Stadtmonitoring 2025 gaben 98 Prozent der Befragten an, eher oder sehr gerne in Aarau zu leben. Damit fügt sich die Kulturhauptstadt in eine Entwicklung ein, die längst begonnen hat. Das Jahr 2030 markiert gleichzeitig den Abschluss der städtischen Kulturstrategie 2023–2030. Kulturmarketing, kulturelle Teilhabe, Vernetzung und die Auseinandersetzung mit der eigenen Stadtgeschichte gehören bereits zu deren Themen.

Auch die UBS-Untersuchung bekommt vor diesem Hintergrund eine andere Bedeutung. Sie zeigt, dass Standortattraktivität aus vielen einzelnen Bausteinen entsteht. Keine einzelne Massnahme macht eine Stadt lebenswert. Entscheidend ist das Zusammenspiel.

Das gilt übrigens auch für kleinere Gemeinden. Nicht jede braucht ein KIFF, eine Alte Reithalle oder ein Kulturhauptstadtjahr. Aber jede Gemeinde besitzt Orte, Vereine, Geschichten, Menschen und Besonderheiten, aus denen sich etwas machen lässt.

Das europäische Vorbild der Kulturhauptstädte zeigt, wie weit dieser Gedanke reichen kann. Kultur wird dort längst nicht mehr bloss als Veranstaltungsprogramm verstanden. Sie kann Stadt- und Regionalentwicklung anstossen, Menschen miteinander verbinden, Identität schaffen und einen Ort nach aussen neu sichtbar machen.

Aarau bekommt 2030 die Gelegenheit, genau das auszuprobieren. Vielleicht liegt darin die interessanteste Botschaft für andere Städte und Gemeinden: Man muss nicht Kulturhauptstadt der Schweiz werden, um Kultur als Teil der Gemeindeentwicklung zu verstehen. Manchmal lohnt es sich einfach, genauer hinzuschauen, was im eigenen Ort bereits vorhanden ist – und mehr daraus zu machen.