Wie muss sich die Gemeinde verändern, damit sie auch in zehn Jahren noch als Gemeinschaft funktioniert? Genau darauf zielte die ZUsammenKUNFT in Spiez mit Beteiligung von Gemeinden, Gemeindeverband, Digitaler Verwaltung und Wirtschaft.

24.08.2026 – Wie sieht eine Gemeinde aus, die auch in zehn Jahren noch funktioniert – nicht nur administrativ, sondern als Gemeinschaft? An der ZUsammenKUNFT der Gemeinden in Spiez wurde deutlich: Digitalisierung allein wird diese Frage nicht beantworten. Gefragt sind neue Formen der Mitwirkung, ein attraktives Milizsystem und eine Verwaltung, die sich konsequent als Dienstleisterin versteht.

Unter dem Titel «Lebensraum Gemeinde in der Zukunft» trafen sich am 19. August in Spiez Vertreterinnen und Vertreter aus Gemeinden, Verwaltung und Wirtschaft zur diesjährigen ZUsammenKUNFT der Gemeinden. Organisiert wurde der Anlass von Myni Gmeind in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Gemeindeverband und der Digitalen Verwaltung Schweiz.

Als Themengeberin wirkte Aesch ZH unter dem Vorsitz von André Guyer mit. Im Zentrum stand eine Frage, die weit über Digitalisierung und Verwaltungsorganisation hinausgeht: Was hält eine Gemeinde künftig zusammen? Denn eine Gemeinde ist mehr als eine politische Körperschaft und mehr als eine Verwaltung. Sie ist Lebensraum, Organisation und Gemeinschaft zugleich. Und gerade dieses Zusammenspiel steht unter Druck.

Die Bevölkerung vom Publikum zur Mitwirkenden machen

Gemeinden wünschen sich engagierte Einwohnerinnen und Einwohner. Gleichzeitig wird es schwieriger, Menschen für Behördenämter, Kommissionen, Vereine oder andere Formen freiwilligen Engagements zu gewinnen. Die klassische Vorstellung, wonach sich ein Teil der Bevölkerung über Jahrzehnte selbstverständlich für die Gemeinde engagiert, trägt immer weniger. Das bedeutet allerdings nicht zwingend, dass die Menschen kein Interesse mehr an ihrer Gemeinde haben. Vielleicht wollen sie sich einfach anders engagieren: punktueller, projektbezogener, digitaler und stärker bei Themen, die sie unmittelbar betreffen.

Damit verändert sich auch die Aufgabe der Gemeinde. Sie muss nicht nur Möglichkeiten zur Partizipation anbieten, sondern Bedingungen schaffen, unter denen Mitwirkung tatsächlich attraktiv wird. Ein spannendes Beispiel dafür lieferte in Spiez Rebecca Panian mit «Voll auf die 12». Das Format bringt Menschen zusammen, um konkrete gesellschaftliche oder politische Fragen zu diskutieren und daraus gemeinsam Lösungen und Massnahmen zu entwickeln. Dahinter steckt ein wichtiger Gedanke: Mitwirkung muss nicht immer in den traditionellen Gefässen stattfinden.

Das Milizsystem muss sich ebenfalls verändern

Damit verbunden ist die Zukunft des schweizerischen Milizsystems.

Viele Gemeinden kennen das Problem: Für politische Ämter oder andere öffentliche Aufgaben werden geeignete Personen gesucht – doch die Bereitschaft, sich langfristig zu verpflichten, nimmt ab.

Darauf nur mit dem Appell zu reagieren, die Menschen müssten sich eben wieder stärker engagieren, dürfte kaum genügen.

Vielmehr stellt sich die Frage, ob auch die Milizarbeit selbst weiterentwickelt werden muss. 

  • Können Aufgaben anders verteilt werden?
  • Sind zeitlich begrenzte Engagements möglich? Können digitale Instrumente die Belastung reduzieren?
  • Und wie lässt sich Milizarbeit besser mit Beruf und Familie vereinbaren?

Das Milizsystem wird nicht dadurch gerettet, dass man an seinen bisherigen Formen festhält. Es bleibt stark, wenn es sich den gesellschaftlichen Realitäten anpassen kann.

Verwaltung als Serviceorganisation

Ein drittes Thema verdient besondere Aufmerksamkeit: der Servicegedanke.

Einwohnerinnen und Einwohner vergleichen die Dienstleistungen ihrer Gemeinde längst nicht mehr nur mit jenen der Nachbargemeinde. Ihre Erwartungen werden von Banken, Versicherungen, Onlinehändlern und digitalen Plattformen geprägt.

 

  • Warum muss ich persönlich am Schalter erscheinen?
  • Weshalb muss ich Angaben nochmals machen, welche die Verwaltung bereits besitzt?
  • Warum ist eine Dienstleistung nur während bestimmter Bürozeiten verfügbar?

Solche Fragen werden für Gemeinden wichtiger.

Digitalisierung ist dabei allerdings nur das Werkzeug. Entscheidend ist die dahinterstehende Haltung: Die Verwaltung ist für die Menschen da – nicht umgekehrt.

Ein digitales Formular, das niemand versteht, ist noch keine moderne Verwaltung.

Wie sieht die Gemeinde 2036 aus?

Besonders interessant an der ZUsammenKUNFT war deshalb der Blick über das Tagesgeschäft hinaus. In der GemeindeWerkstatt wurden am Nachmittag Herausforderungen für lebenswerte Gemeinden der Zukunft bearbeitet.

Die entscheidenden Fragen lauten:

  • Wie sind Gemeinden in zehn Jahren organisiert?
  • Welche Aufgaben übernimmt die professionelle Verwaltung?
  • Was bleibt Aufgabe der Politik?
  • Wo und wie beteiligt sich die Bevölkerung?
  • Und welche Voraussetzungen braucht es, damit Menschen bereit sind, Verantwortung für ihr Gemeinwesen zu übernehmen?

Darauf wird es nicht die eine schweizweit gültige Antwort geben.

Eine kleine Landgemeinde funktioniert anders als eine Agglomerationsgemeinde mit 20’000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Gerade darin liegt eine Stärke des schweizerischen Gemeindesystems: Lösungen können vor Ort entwickelt, ausprobiert und verbessert werden.

Die Gemeinde als Plattform

Vielleicht verändert sich dabei sogar unser Verständnis dessen, was eine Gemeinde ist.

Die Gemeinde der Zukunft könnte weniger eine Institution sein, welche möglichst viele Aufgaben selbst erledigt, und stärker eine Plattform, welche Menschen, Unternehmen, Vereine, Politik und Verwaltung miteinander verbindet.

Ihre Qualität würde sich dann nicht allein daran messen, wie effizient die Verwaltung arbeitet.

Sondern auch daran, ob es ihr gelingt, Identifikation zu schaffen, Engagement zu ermöglichen und Menschen zusammenzubringen.

Das wäre eine anspruchsvollere Vorstellung von Gemeinde.

Denn am Ende entsteht eine starke Gemeinde nicht im Gemeindehaus.

Sie entsteht dort, wo Menschen bereit sind, ihre Gemeinde als gemeinsame Sache zu verstehen.

Der Anlass war gut besucht und von der Gastgeber­gemeinde Spiez hervorragend organisiert. Bereichernd wäre es gewesen, wenn sich die Teilnehmerschaft geografisch noch etwas breiter über die Schweiz verteilt hätte und neben dem Kanton Bern auch andere Regionen stärker vertreten gewesen wären.

Bruno Hofer