Urbane Wandlung

Der Detailhandel steckt mitten im Strukturwandel. Gleichzeitig eröffnen sich neue Möglichkeiten, die die frühere Aufenthaltsqualität in vielen Städten sogar übertreffen können. Ein Gespräch mit Marco Schmid von Wüest Partner.

 

29. Mai 2026 – Früher war Einkaufen vor allem eine Pflicht. Man ging in ein Geschäft, stellte sich in die Schlange, wartete mehr oder weniger geduldig, kaufte ein und schleppte die Waren anschliessend nach Hause. Shopping war eine Aufgabe – meist ohne besonderen Erlebnischarakter. Heute präsentieren sich viele Innenstädte anders. Zahlreiche Geschäfte stehen leer, Ladenlokale lassen sich oft nur schwer wieder vermieten. Der Wandel im Konsumverhalten ist deutlich sichtbar. Gleichzeitig eröffnen sich neue Chancen. Dort, wo Gemeinden und Städte den Wandel mit einem klugen Citymanagement aktiv gestaltet haben, haben sich die Zentren positiv entwickelt. Die Menschen kommen nicht mehr nur zum Einkaufen. Sie verweilen, treffen sich, geniessen Gastronomie und Veranstaltungen und tragen zu einem lebendigen Stadtbild bei.

 

Wie sich Probleme in Chancen verwandeln lassen, zeigt eine neue Studie von Wüest Partner. Sie ist soeben im Rahmen des Immo-Monitorings erschienen und trägt den Titel: «Die Verkaufsflächen erfinden sich neu».

 

Kommunalmanagement: Wie kam es zu dieser Studie?

Marco Schmid: Wüest Partner beobachtet den Immobilienmarkt und den Strukturwandel im Detailhandel seit vielen Jahren systematisch. Dabei haben wir festgestellt, dass die Veränderungen tiefgreifend sind. Deshalb haben wir das Thema vertieft untersucht.

Kommunalmanagement: Welche Fragestellungen standen im Zentrum?

Marco Schmid: Im Sonderkapitel des Immo-Monitorings wollten wir analysieren, was in den vergangenen zehn Jahren im Detailhandel passiert ist und wohin die Entwicklung geht. Uns interessierte, welche Standorte und Formate künftig gewinnen, welche Anforderungen an Verkaufsflächen gestellt werden und welche Konsequenzen sich daraus für Gemeinden und Städte bei der Positionierung ihrer Standorte ergeben.

Kommunalmanagement: Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Marco Schmid: Wir haben schweizweite Daten ausgewertet – sowohl auf der Nachfrageseite als auch bei den Verkaufsflächen. Zusätzlich haben wir im Rahmen des Immo-Barometers Konsumentinnen und Konsumenten befragt. Dabei ging es unter anderem um die Frage, was ihnen beim Einkaufen wichtig ist und weshalb sie überhaupt noch ein Geschäft aufsuchen.

Zudem haben wir räumliche Analysen durchgeführt und untersucht, wie sich die Zahl der Verkaufsstandorte in den verschiedenen Branchen entwickelt hat. So konnten wir den Strukturwandel sichtbar machen und erklären. Besonders deutlich zeigt sich der Rückgang beispielsweise bei Bekleidungsgeschäften, während persönliche Beratung und Dienstleistungen an Bedeutung gewinnen.

Kommunalmanagement: Was sind die drei wichtigsten Erkenntnisse?

Marco Schmid: Erstens ist der Strukturwandel in vollem Gang. Zweitens verschieben sich die Verkaufsflächen von klassischen Non-Food-Angeboten hin zu Food, Convenience, Gastronomie und Dienstleistungen. Drittens gewinnt der Onlinehandel zwar weiter an Bedeutung, dennoch gibt es gute Gründe, weshalb Menschen Zeit in Innenstädten verbringen. Die Innenstadt entwickelt sich zunehmend von einem reinen Versorgungsort zu einer Erlebnislandschaft. Aufenthaltsqualität, Begegnung und Freizeit gewinnen an Gewicht.

Kommunalmanagement: Was können Gemeinden aus dieser Studie mitnehmen?

Marco Schmid: Die Studie versteht sich als Grundlage für strategische Überlegungen. Sie zeigt die wichtigsten Trends auf und liefert Anhaltspunkte für die zukünftige Entwicklung von Zentren und Ortskernen. Auf dieser Basis können Gemeinden ihre eigenen Entwicklungsstrategien formulieren. Ein zentrales Element ist dabei die Aufenthaltsqualität. Gerade hier verfügen Gemeinden über zahlreiche Handlungsmöglichkeiten – insbesondere bei der Gestaltung des öffentlichen Raums. Begrünungen, Sitzgelegenheiten, Verkehrsberuhigungen oder attraktive Begegnungszonen tragen dazu bei, dass sich Menschen gerne im Zentrum aufhalten und dort Zeit verbringen.

Kommunalmanagement: Vielen Dank für das Gespräch.