
Vom Heidiland zum High Deal Land
Steuergeschenke als Massnahmen der Standortförderung galten als Tabu. Doch jetzt enthüllt ein Autor der NZZ: Es gibt sie doch, und zwar in mehreren Kantonen. Was ist davon zu halten?
07.06.2026 – Als ich Standortförderer im Limmattal war, stand eines immer fest: Der Kanton Zürich gibt keinerlei Steuergeschenke oder Rabatte für Firmen, um sie anzusiedeln oder festzuhalten. Das war tabu. Das galt meiner Erfahrung nach auch für alle anderen Kantone, wie Gespräche mit den Berufskollegen ergaben.
Standortförderung betreiben hiess: Gute Rahmenbedingungen schaffen, Netzwerkarbeit für alle betreiben, Pflege der Firmen individuell hochhalten und Service, Service, Service.
Jetzt kommt es aber an den Tag: Es sind eben doch auch Steuergeschenke im Spiel. Und zwar nicht in wenigen Kantonen. Und in der Romandie sogar noch etwas mehr als in der Deutschschweiz.
Ans Licht kam diese Realität nicht durch ein Pochen auf das Öffentlichkeitsprinzip. Da wurde in der Schweiz nämlich gemauert. Doch börsenkotierte US-Firmen müssen der Börsenaufsicht (SEC) Berichte einreichen und aus denen geht nun hervor, wo welche Steuerrabatte und Vergünstigungen erteilt werden.
Ein Beispiel liefert der Kanton Waadt. Die US-Firma Incyte zog 2020 nach Morges. Aus einem SEC-Bericht geht hervor, dass das Unternehmen eine Steuergutschrift von 1,5 Millionen Dollar erhielt. Autor Thomas Schlittler legt weiter dar, dass auf Bundesebene Sonderbehandlungen nur selten und in strukturschwachen Regionen möglich seien, aber die Kantone ihre Kompetenz nutzten, um selber Rabatte zu gewähren. In Zentren wie Genf, Zug oder Zürich kämen sie seltener vor.
Ich lasse seinen Text in meiner Standortförderer-Community zirkulieren und frage, ob dazu jemand eine Stellungnahme abgeben möchte. Bis zur Stunde habe ich von niemandem etwas gehört. Aber ich denke, solche Rabatte und Vergünstigungen sind ok, da begründet. Schliesslich herrscht in den Kantonen Steuerwettbewerb. Und auch für natürliche Personen gibt es Sonderregelungen.
Wer glaubt, die Schweiz könne im internationalen Standortwettbewerb vollständig auf solche Instrumente verzichten, verkennt die Realität. Andere Staaten und Regionen setzen noch wesentlich aggressivere Anreize ein. Wenn ich zum Beispiel aktuell lese, mit welchen Methoden der US-Bundesstaat North Carolina versucht, die Berner Firma MB-Microtech anzulocken, wird mir klar, dass solche Sonderbehandlungen im Rahmen gesetzlicher Richtlinien absolut in Ordnung sind. Anrüchig scheinen sie ja nur deshalb zu sein, weil versucht wird, sich hinter einer Mauer des Schweigens zu verstecken. Transparenz tut not, es kommt ja doch aus!
Steuervergünstigungen sind nicht das Problem. Das Problem ist, wenn man so tut, als gäbe es sie nicht.






