
Private machen Staat. Die traditionelle Trennung zwischen öffentlicher Hand und privatem Sponsoring verliert sich in Opportunitäten. Werbung und Eigennutz gehen ineinander über. Jüngstes Beispiel: Die Mobiliar und Schweizer Schwammstädte.
Elon Musk will jedem Kind in den USA eine SpaceX-Aktie schenken. Die UBS finanziert Professuren an Schweizer Universitäten. Und die Mobiliar hilft Schweizer Gemeinden, ihre Strassen und Plätze gegen Hitze und Überschwemmungen zu wappnen. Man könnte sich fragen: Beginnt hier ein neues Zeitalter, in dem private Unternehmen immer mehr Aufgaben übernehmen, die bisher als Sache des Staates galten?
Nehmen wir die Mobiliar. Die Versicherung unterstützt Städte und Gemeinden finanziell beim Bau sogenannter Schwammstädte. Dabei werden versiegelte Flächen aufgebrochen, Bäume gepflanzt und Möglichkeiten geschaffen, Regenwasser dort zurückzuhalten, wo es niedergeht. Das reduziert bei Starkregen den Oberflächenabfluss und kann gleichzeitig die sommerliche Hitze in dicht bebauten Quartieren mildern.
Das Engagement ist keineswegs nur symbolisch. In Winterthur beispielsweise beteiligt sich die Mobiliar mit insgesamt 350’000 Franken an drei Projekten. Dazu gehören die Nutzung von Regenwasser zur Bewässerung beim Schulhaus Altstadt, die Begrünung einer Strasse und ein begehbarer Schwammstadt-Rundgang. Auch in Bern, Lausanne und weiteren Gemeinden werden entsprechende Vorhaben unterstützt.
Die Versicherung hat dafür gute Gründe. Überschwemmungen verursachen erhebliche Schäden, für welche die Versicherungen aufkommen müssen. Wenn sich diese Schäden durch bessere Gestaltung des öffentlichen Raums vermeiden lassen, profitieren beide Seiten. Die Gemeinden erhalten finanzielle Unterstützung für ihre Klimaanpassung, die Mobiliar kann langfristig Schadenkosten reduzieren.
Das ist keine selbstlose Wohltätigkeit. Aber muss es das überhaupt sein?
In der Schweiz hat privates Engagement für öffentliche Anliegen eine lange Tradition. Unternehmen finanzieren Kulturveranstaltungen, Sportanlagen, Forschungsprojekte und Stiftungsprofessuren. Die UBS Foundation of Economics in Society unterstützt beispielsweise mehrere Professuren an der Universität Zürich mit Millionenbeträgen. Und nun hat Elon Musk angekündigt, im kommenden Jahr jedem amerikanischen Kind eine Aktie seines Raumfahrtunternehmens SpaceX zu schenken. Ein Versprechen im Wert von mehr als zehn Milliarden Dollar, dessen konkrete Umsetzung allerdings noch offen ist.
Die drei Beispiele sind unterschiedlich. Sie zeigen aber, dass private Vermögen und Unternehmen öffentliche Anliegen in einer Grössenordnung unterstützen können, die über das traditionelle Sponsoring eines Dorffestes weit hinausgeht.
Für die Gemeinden eröffnet sich damit eine interessante Perspektive. Weshalb sollte eine Gemeinde sämtliche Investitionen in Klimaanpassung, öffentliche Räume oder gesellschaftliche Projekte ausschliesslich aus Steuermitteln finanzieren, wenn Unternehmen bereit sind, sich daran zu beteiligen?
Allerdings entstehen damit auch Fragen. Wer bestimmt, welche Projekte unterstützt werden? Erhalten finanzstarke Gemeinden mehr private Unterstützung als finanzschwache? Und was geschieht, wenn sich ein Sponsor zurückzieht oder seine wirtschaftlichen Interessen ändern?
Vor allem darf privates Sponsoring nicht dazu führen, dass demokratisch gewählte Behörden ihre Prioritäten nach den Wünschen von Geldgebern ausrichten. Die Entscheidung darüber, wie sich eine Gemeinde entwickelt, muss bei ihren zuständigen Organen bleiben.
Vielleicht neigt sich also nicht das Zeitalter staatlicher Unterstützung dem Ende zu. Vielmehr könnte eine neue Form der Zusammenarbeit entstehen, in der öffentliche Hand und Privatwirtschaft ihre jeweiligen Interessen und Möglichkeiten sinnvoll verbinden.
Die Mobiliar zeigt, wie das funktionieren kann. Die Gemeinde braucht Schutz vor Hitze und Überschwemmungen. Die Versicherung hat ein Interesse daran, Schäden zu verhindern. Beide investieren in dieselbe Lösung.
Eigentlich eine ziemlich vernünftige Form von Sponsoring.
Vielleicht sollten Gemeinden künftig nicht nur fragen, für welche Projekte sie Subventionen von Bund und Kanton erhalten können. Sondern auch, welche Unternehmen ein eigenes Interesse daran haben könnten, dass diese Projekte gelingen.
Die konkreten Mobiliar-Projekte und die Finanzierung in Winterthur sind auf der Mobiliar-Projektseite dokumentiert.
Für die Bebilderung würde ich das Schwammstadt-Projekt der Mobiliar in Bern oder Winterthur verwenden:
Zwei alternative Titel, falls du die grundsätzliche Frage stärker betonen möchtest: «Brauchen Gemeinden künftig Sponsoren statt Subventionen?» oder «Wenn Private bezahlen, was der Staat nicht allein schafft».
