
Klimaschutz in der Kläranlage: Bern beseitigt 97 Prozent eines gefährlichen Treibhausgases
Kläranlagen reinigen unser Abwasser und schützen damit Flüsse und Seen. Weniger bekannt ist, dass sie dabei selbst erhebliche Mengen eines besonders klimaschädlichen Gases freisetzen können: Lachgas. Die Abwasserreinigungsanlage der Region Bern zeigt nun, wie sich dieses Problem mit einer überraschend wirksamen technischen Lösung entschärfen lässt.
Lachgas entsteht unter anderem bei der biologischen Reinigung von Abwasser. Bakterien bauen dabei Stickstoffverbindungen ab. Bei diesen Prozessen kann Lachgas entstehen, das anschliessend in die Atmosphäre gelangt.
Das Problem: Lachgas, chemisch N₂O, wirkt über einen Zeitraum von hundert Jahren rund 273-mal stärker auf das Klima als Kohlendioxid. Schon vergleichsweise kleine Mengen können deshalb eine erhebliche Klimawirkung entfalten.
Bei der ARA Region Bern ergaben Messungen, dass jährlich Lachgasemissionen mit einer Klimawirkung von rund 10’000 Tonnen CO₂-Äquivalenten entstanden. Das entsprach ungefähr 80 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen der Anlage.
Die Betreiberin wollte das nicht einfach hinnehmen. Seit August 2025 ist deshalb eine neuartige Anlage zur Reinigung der Abluft in Betrieb. Sie funktioniert nach einem erstaunlich einfachen Prinzip: Die mit Lachgas belastete Luft wird auf rund 1000 Grad erhitzt. Bei dieser Temperatur zerfällt das Lachgas in unschädlichen Stickstoff und Sauerstoff.
Das Verfahren heisst regenerative thermische Oxidation, kurz RTO. Es wird in der Industrie bereits eingesetzt, kommt in Bern aber erstmals in dieser Form bei einer Schweizer Kläranlage zur Anwendung.
Die bisherigen Ergebnisse sind bemerkenswert: Über 97 Prozent des behandelten Lachgases werden beseitigt. Gleichzeitig gewinnt das System rund 95 Prozent der eingesetzten Wärme zurück und nutzt sie erneut. Dadurch bleibt der zusätzliche Energiebedarf vergleichsweise gering.
Besonders interessant ist die Finanzierung. Bau und Betrieb werden über ein Klimaschutzprogramm der Stiftung KliK finanziert, das von der INFRAconcept AG umgesetzt wird. Für nachweislich vermiedene Treibhausgasemissionen erhält die Betreiberin einen finanziellen Beitrag. Nach Angaben der ARA belastet die neue Anlage deshalb die Abwassergebühren nicht zusätzlich.
Das ist für andere Gemeinden und Abwasserverbände ein bemerkenswertes Beispiel. Klimaschutz muss nicht immer bedeuten, ganze Infrastrukturen zu ersetzen. Manchmal genügt es, einen bisher wenig beachteten Teil eines bestehenden Betriebs technisch zu verbessern.
Allerdings lässt sich die Berner Lösung nicht einfach auf jede Kläranlage übertragen. Entscheidend sind die Menge und Konzentration des Lachgases, die technischen Voraussetzungen und die Wirtschaftlichkeit. Gerade bei kleineren Anlagen könnten andere Lösungen geeigneter sein.
Trotzdem zeigt Bern, wie wirkungsvoll eine gezielte Investition sein kann. Statt einer weiteren Klimastrategie mit langfristigen Absichtserklärungen gibt es eine Anlage, die bereits funktioniert und deren Wirkung gemessen werden kann.
Für die Gemeinden ergibt sich daraus eine naheliegende Frage: Wie viel Lachgas entsteht eigentlich in unserer eigenen Abwasserreinigungsanlage? Und wäre es technisch und wirtschaftlich möglich, diese Emissionen ebenfalls zu reduzieren?
Vielleicht liegt ein Teil des kommunalen Klimaschutzes künftig dort, wo ihn kaum jemand vermutet: nicht auf dem Dach des Gemeindehauses, sondern in der Abluft der Kläranlage.
