
Auch im Wasserschloss kann das kostbare Nass knapp werden
Der Aargau gilt als Wasserschloss der Schweiz. Aare, Reuss, Limmat und Rhein prägen den Kanton. Er verfügt über an sich reichhaltige Wasserressourcen und bedeutende Grundwasservorkommen.
23.09.2026 -Grundwasser ist grundsätzlich reichlich vorhanden. Und trotzdem braucht der Kanton eine Wasserstrategie. Was ist deren Zielsetzung und was können andere Kantone daraus lernen? Ein Gespräch mit Natalia Güdel-Krempaska, Projektleiterin der kantonalen Wasserstrategie bei der Abteilung Landschaft und Gewässer im Departement von Regierungsrat Stephan Attiger.
Viel Wasser bedeutet nicht automatisch, jederzeit genügend davon zur Verfügung zu haben. Trockenperioden und Hitze können dazu führen, dass Wasser regional oder zeitweise knapp wird. Gleichzeitig muss der Kanton auch mit dem Gegenteil rechnen: Starkregen und Hochwasser. Genau deshalb hat der Aargau eine kantonale Wasserstrategie erarbeitet. Sie soll Wasserversorgung, Wasserqualität, Hochwasser und Trockenheit, Energie, Landwirtschaft und Industrie, Lebensräume sowie Wasserspeicherung stärker miteinander verknüpfen. Ein Vorzeigeprojekt, finde ich.
«Entscheidend ist nicht, ob es im Aargau insgesamt genug Wasser gibt, sondern ob es am richtigen Ort, zur richtigen Zeit und in ausreichender Qualität verfügbar ist», sagt Natalia Güdel-Krempaska, Projektleiterin der kantonalen Wasserstrategie bei der Abteilung Landschaft und Gewässer im Gespräch mit der Gemeindeplattform «Kommunalmanagement». So lautet der Kern der neuen Strategie, die keinesfalls bestehende Gesetze und Zuständigkeiten ersetzen will. Doch Klimawandel, Bevölkerungswachstum und wirtschaftliche Entwicklung verändern die Voraussetzungen.
Und was an einer Stelle mit Wasser gemacht wird, kann Folgen an einer anderen haben. Deshalb will der Kanton die bisher teilweise getrennt behandelten Bereiche stärker zusammenführen.
Der erste Teil der Strategie legt Ziele und Handlungsfelder fest; als Nächstes folgt ein Massnahmenplan mit konkreten Projekten und Zuständigkeiten.
Dabei können unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen. Landwirtschaft braucht Wasser für die Bewässerung, Haushalte benötigen Trinkwasser, die Wirtschaft muss Wasser haben für ihre Produktion. Und Wasserkraft liefert Energie, während Gewässer gleichzeitig Lebensräume für Pflanzen und Tiere sind, der Erholung dienen und geschützt werden sollen. Hinzu kommen die Siedlungsentwicklung und der Hochwasserschutz.
Natalia Güdel-Krempaska macht deutlich, dass die Strategie diese Interessengegensätze nicht einfach auflösen kann und will. Vielmehr sollen Konflikte früher erkannt und Lösungen gesucht werden, die mehrere Bedürfnisse gleichzeitig berücksichtigen. Beim Wasserrückhalt etwa können Hochwasserschutz, Vorsorge gegen Trockenheit, Ökologie und Aufenthaltsqualität zusammenspielen.
Für die Gemeinden wird das ganz konkret. Ein Beispiel ist die Wasserversorgung. Sie bleibt grundsätzlich eine kommunale Aufgabe. Doch Wasser hält sich bekanntlich nicht an Gemeindegrenzen. Eine Gemeinde kann in einer Trockenperiode Probleme bekommen, während andernorts noch grosse Reserven vorhanden sind. Auch ein technisch bedingter Ausfall einer spezifischen Anlage kann eine lokale Versorgung rasch stark unter Druck setzen.
Deshalb fördert der Kanton die regionale Zusammenarbeit und die intensivere Vernetzung der Wasserversorgungen. Ziel sind robuste Versorgungssysteme mit voneinander unabhängigen hydrologischen Standbeinen.
«Die regionale Zusammenarbeit soll die kommunale Verantwortung nicht ersetzen, sondern die Versorgungssicherheit stärken», sagt Natalia Güdel-Krempaska. Eine bestimmte Organisationsform wolle der Kanton den Gemeinden dabei nicht vorschreiben. Die Gemeindeautonomie bleibe ein wichtiger Bestandteil der Aufgabenteilung.
Auch in der Ortsplanung soll Wasser künftig noch frühzeitiger mitgedacht werden. Das kostbare Nass soll nicht erst dann zum Thema werden, wenn ein Keller überflutet wird oder wenn während einer Trockenperiode plötzlich Wasser fehlt. Gemeinden sollen bereits bei der Siedlungsentwicklung überlegen, wo Regen versickern kann, wo Wasser bei Starkregen zurückgehalten werden könnte und wie gleichzeitig die zunehmende Hitze bekämpft werden kann.
Dafür braucht es nicht zwingend grosse technische Bauwerke. Auch Bäume, unversiegelte Flächen, begrünte Dächer und Retentionsflächen können mehrere Aufgaben gleichzeitig übernehmen: Wasser zurückhalten, die Umgebung kühlen, Lebensräume schaffen und einen Siedlungsraum attraktiver machen. «Für Gemeinden heisst das insbesondere: Wasser sollte bei Ortsplanung, Siedlungsentwicklung und Entwässerungsplanung möglichst früh schon mitgedacht werden und nicht erst dann, wenn ein konkretes Problem auftritt», sagt Natalia Güdel-Krempaska.
Die Leitidee dahinter ist einfach: Vorbeugen vor Bewältigen. Beim Hochwasserschutz verfügt der Aargau bereits über viel Erfahrung. Der Umgang mit Trockenheit und Wasserknappheit stellt dagegen auch für den Aargau eine vergleichsweise neue Herausforderung dar.
Die Erfahrungen aus dem Hitzesommer 2026 haben die Bedeutung einer vorausschauenden Vorsorge nochmals deutlich gemacht. Sie können deshalb auch in die weitere Umsetzung der Wasserstrategie einfliessen.
Was das für eine einzelne Gemeinde finanziell bedeutet, steht allerdings noch nicht fest. Genau hier beginnt nun die nächste Phase. Ein Massnahmenplan soll festlegen, welche Projekte Priorität haben, wer dafür verantwortlich ist und wie sie finanziert werden. Nicht jede Gemeinde werde dasselbe tun müssen, betont Natalia Güdel-Krempaska. Die lokalen Voraussetzungen seien zu unterschiedlich.
Der Aargau ist mit diesen Fragen nicht allein. Andere Kantone arbeiten ebenfalls an Wasserstrategien oder haben bereits eine. Natalia Güdel-Krempaska nennt drei Erfahrungen, die sie ihnen mitgeben würde: Wasser von Beginn weg ganzheitlich betrachten, Gemeinden und andere Betroffene früh einbeziehen – und von einer Strategie nicht erwarten, dass sie bereits jede Detailfrage löst.
Vielleicht liegt darin auch die wichtigste Botschaft für die Aargauer Gemeinden: Wasser wird nicht erst dann zum kommunalen Thema, wenn zu wenig oder zu viel davon vorhanden ist. Es beginnt viel früher – bei der Ortsplanung, beim nächsten Bauprojekt, bei der Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden und bei der Frage, wo Regenwasser künftig versickern und zurückgehalten werden kann.
Der offizielle kantonale Ansatz bestätigt diese Stossrichtung: Die Wasserstrategie setzt auf «Wasser nutzen, Wasser schützen und Schutz vor dem Wasser» und soll die Ressource langfristig für Bevölkerung, Natur und Wirtschaft sichern.
Erste anschauliche Beispiele sind bereits in Kraft. So hat Zofingen im Rahmen einer Verkehrsmassnahme einen Grünstreifen geschaffen, der ein Schwammstadtelement umfasst.
Einen weiterführenden Leitfaden, wie Gemeinden Schwammland-Massnahmen einsetzen können, hat die Firma Emch + Berger entwickelt. Sie listet einen Fächer von 80 Massnahmen auf, die sinnvoll sind.
