
Überalterung als Chance begreifen
Pro Senectute führt den 2. Nationalen Alterskongress durch. Referate und Workshops beleuchten die Vorzüge einer unausweichlichen Entwicklung. Bericht vor Ort.
22.01.2026 – Der Italiener Giuseppe Crippa verabschiedete sich 1995 mit 60 Jahren in den frühzeitigen Ruhestand. Er liess sich pensionieren. Stieg aus dem Arbeitsprozess aus. Hätte seine Rente in Ruhe verzehren können. Tat das aber nicht. Kaum zuhause, entwickelte er neue Prüfkarten für die Chipherstellung. Er wurde mit seiner Firma «Technoprobe» Weltmarktführer, schuf 600 Patente, beschäftigte 3300 Mitarbeitende und wurde einer der reichsten Menschen in ganz Italien. Er starb 30 Jahren nach Gründung seiner Firma im Jahre 2025 als 90jähriger Milliardär. Für Crippa begann die grosse Karriere also erst nach seiner beruflichen Laufbahn.
Immer mehr Alte, auch in der Schweiz. Die «Rentnerschwemme» gilt an sich weitherum als Problem. Wenige Junge müssen immer mehr Rentner finanzieren. Das Gesundheitswesen werde belastet. Die sinkende Geburtenrate tue ein Übriges.
Doch das Beispiel Crippa zeigt auch ein anderes Bild. Und dieses stützt das Motto des 2. Alterskongresses von Pro Senectute in Biel. Die Demografie soll als Chance begriffen werden. Hier wird das Alter nicht als Belastung, sondern als Chance betrachtet.
In verschiedenen Referaten wird das Potenzial beschworen, das in der Rentnergeneration vorhanden ist oder noch schlummert. Es gehe darum, die Potenziale freizumachen, so der allgemeine Tenor.
So betont insbesondere Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider in ihrem Referat die wertvollen Alters-Ressourcen. Heute gebe es in der Schweiz ein nie dagewesenes Potenzial an freier Zeit im Alter. Sie konnte es sich nicht verkneifen, die Klimaseniorinnen als Beispiel eines zukunftsgerichteten Engagements für die Umwelt zu betonen. Und sie sprach sich denn auch dafür aus, die Attraktivität von Frühpensionierungen zu mindern, um Arbeitskräftepotenzial länger im Prozess zu halten.
Prof. Dr. Philippe Wanner von der Universität Genf verglich die berufliche Leistungsfähigkeit zeitgenössischer älterer Menschen mit jenen der 50er Jahre und hielt fest, dass der Rückgang der Arbeitsmarktfähigkeit im Alter sich bis heute um 2 bis 3 Dekaden verzögert habe. Den Rückgang der Geburtenrate in der Schweiz verglich er mit Nachbarländern und hielt fest, dass unser Land besser dastehe, und zwar wegen der zunehmenden Einwanderung.
Ob diese so weitergehe, wagt hingegen Hendrik Budliger (Demografik) zu bezweifeln. Es sei gar nicht sicher, ob die Schweiz jemals die 10 Mio-Grenze erreiche. Die Überalterung bremse den Arbeitsmarkt und damit auch die Einwanderung, argumentiert er, wobei er darauf hinweist, dass die künftige Entwicklung von Kanton zu Kanton unterschiedlich ausfallen könne und die Entwicklung der Bevölkerung je nach Altersgruppe auch nach Kantonen differiere. Budliger, der mal im Schachring gegen Karpov stand, betonte die zunehmende Fitness älterer Semester ganz allgemein. So seien ¼ aller Todesfälle 2025 bei Menschen zu beklagen gewesen, die 91 und mehr Lenze auf dem Buckel hatten. «Die Alten werden jünger, sie sind fitter und auch gebildeter als früher.» Hingegen meint er, das Verkehrsproblem könne sich durch die Überalterung entschärfen. Am Mobilsten seien Junge um 25. Senioren und Seniorinnen würden demgegenüber nicht so häufig unterwegs sein. Will heissen, dass die Überalterung den Mobilitätsbedarf senken wird und wir auf einen Peak Mobility zusteuern. Auch wegen der absehbaren Abnahme der Erwerbsbevölkerung und dadurch sinkenden Pendlerströmen.
Doris Bianchi betont als Direktorin des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) vor allem den Wert der Grosseltern für die Betreuung ihrer Enkel. Sie spricht von der Sandwichgeneration, also jener, die sowohl Kinder- als auch Altersbetreuung leisten müsse. Vor allem Frauen sind betroffen.
Aktivität und Engagement bilden Schlüsselfaktoren für ein gesundes Alter. Dies bedeutet auch für bauliche Entwicklungen oder Renovationen ein Umdenken. Kluge Architekten bauen bewusst Anreize für Bewegung und Begegnungen ein.
Die Überalterung ist Fakt. Und so gibt es auch – wie Doris Bianchi ausführte – keine Patentrezept gegen die demografische Entwicklung.
(Bild: Bruno Hofer Kommunalmanagement berichtet vor Ort aus Biel.)






