
Kleine Gemeinden erhalten die Freundschaft
In kleineren Gemeinden kommt in demokratischen Prozessen die Beziehungs- vor der Sachebene. Dies eines der Ergebnisse einer Studie der holländischen Universität Leiden, an der auch die Gemeinde Ermensee und die Stadt Luzern teilgenommen haben.
15.09.2026 – Heute möchte ich mit Ihnen diskutieren über Demokratie in grossen und kleinen Gemeinden der Schweiz. Dies deshalb, weil mir neulich eine Studie in die Hände fiel, die von der Universität Leiden durchgeführt wurde. Sie hat demokratische Prozesse in vier Ländern analysiert und jeweils eine kleine und eine grosse Gemeinde ins Visier genommen. Auch die Schweiz war dabei mit den Gemeinden Luzern und Ermensee.
Mit Interviews, Netzwerkanalysen und der ethnografischen Begleitung von Politikerinnen und Politikern bot das Projekt eine vertiefte Analyse der lokalen Demokratie. Fazit: „In kleinen Gemeinschaften kennen sich Bürger und Politiker häufig aus mehreren, sich überschneidenden sozialen Rollen. Das fördert Vertrauen und erleichtert den Zugang zur Politik. Direkte Kontakte verbessern die Kommunikation und verringern das Gefühl von Anonymität und Distanz, das Bürgerinnen und Bürger in grossen Gemeinden erleben. Entsprechend achten Wählerinnen und Wähler in kleinen Gemeinden bei ihrer Wahl stärker die bei den Kandidierenden auf persönliche Beziehungen zu ihnen.
Die Studie zeigt, dass Bürger in kleineren Gemeinden häufiger eine persönliche Beziehung zu der Person haben, der sie ihre Stimme geben, und diese Beziehung häufiger als wichtigen Grund für ihre Wahl nennen. Sie vertrauen darauf, dass Politiker leicht erreichbar und bereit sind, in ihrem Interesse zu handeln. Die meisten Wähler betrachten diese persönlichen Beziehungen auch als nützlich, um Ideen oder politische Präferenzen mit Politikern zu besprechen. Diese engen Beziehungen verringern jedoch die Bedeutung inhaltlicher Überlegungen bei der Wahl- oder Sachentscheidung und können Interessenskonflikte hervorrufen. Deshalb stellt die Studie fest, dass Wähler in kleineren Gemeinden persönlichen Vorteilen im Austausch für ihre Stimme mehr Bedeutung beimessen, etwa durch Unterstützung eines Politikers beim Überwinden bürokratischer Hürden oder beim Beschleunigen persönlicher Anliegen. Zudem spielen programmatische Präferenzen in kleinen Gemeinden eine geringere Rolle als in grossen Gemeinden. Wähler sehen weniger Unterschiede zwischen den Programmen der Parteien; entsprechend sind diese Programme für ihre Wahlentscheidung weniger ausschlaggebend. Somit kommt die Studie zum Schluss, dass die Gemeindegrösse einen starken Einfluss hat auf die Beziehungen zwischen Bürgern und Politikern und damit auch auf die politische Partizipation.
Einerseits bestehen in kleinen Gemeinschaften stärkere persönliche Bindungen, die eine Partizipation bei Wahlen und Abstimmungen fördern können. Andererseits können diese Beziehungen unter Umständen eher individuellen Interessen dienen statt der Allgemeinheit.
So sind programmatische Überlegungen in Gemeinden mit einer grösseren Anzahl von Einwohnenden eher an der Tagesordnung, was die Sachlichkeit von Politergebnissen fördern kann.
Überraschend sind für mich die Resultate dieser Studie nicht. Sie legen frei, was an sich offenkundig ist, aber selten thematisiert wird. Die Studie dürfte das Fusionsthema neu beflügeln. Und das wäre gut so.
