Wir wissen ja, dass Prognosen über die Vergangenheit einiges weniger problematisch sind als jene über die Zukunft. Deshalb ist ja es auch so einfach, darüber zu sinnieren, wie es früher war beispielsweise mit der Ungleichheit in der Schweiz. So hat das Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik in Luzern eine interessante Studie zum Thema «Wie ungleich ist die Schweiz?» veröffentlicht. Das Schöne daran ist, dass es nicht nur eine Studie ist, sondern eine digitale Datenbank, die man interaktiv bedienen kann.

Wer also wissen will, wie beispielsweise die Einkommensverteilung in der Schweiz vor 1920 – also vor rund 100 Jahren – aussah, und auch noch in welchem Kanton, der kann eine Schweizerkarte klicken und hat sofort einen Überblick über die Situation. Konkret: Damals hatten 20 Prozent der Top-Einkommensgruppe etwas im Schnitt 26-30 Prozent der Einkommen auf sich vereinigt. Für den grossen Rest der 80 Prozent blieben somit rund 70 Prozent. Also in etwa eine logische Verteilung, wie man sie auch erwarten dürfte. Die 20 Reichsten haben auch in etwa einen so hohen Anteil am Gesamten. Dies war durchs Band bei fast allen Kantonen in etwa so.

2018 hingegen sieht es – zumindest für einzelne Kantone. In den Kantonen Schwyz und Zug erhielten die Top 20 Prozent gegen 65 Prozent aller Einkommen. Es gab somit eine starke Veränderung. Die Ungleichheitsverteilung bei Einkommen hat zugenommen. All diese Angaben beziehen die Steuerpolitik nicht mit ein. Es betrifft nur die Brutto-Einkommen.

Für die Standortförderung sind solche Informationen natürlich hilfreich. Lassen sich daraus Empfehlungen für Massnahmen ableiten? Die Frage stellen heisst, eine zweite aufzurufen: Sollte man überhaupt darauf achten, in seinem Kanton möglichst viele Reichtümer anzuhäufen? Nicht nur moralische Aspekte stehen hier zur Debatte, sondern auch volkswirtschaftliche. Was bedeutet es, wenn plötzlich eine Abwanderung dieser Krösusse stattfindet? Interessant wäre es, wenn man mögliche Massnahmen prospektiv abbilden könnte. Was geschieht beim Drehen an der Steuerschraube? Beim Verfügbarmachen von neuen Siedlungsgrundstücken sowie deren Bespielung? Wie gesagt, In die Zeit zurück kann man gehen, leider aber nicht voraus. Wie wäre es, wenn es ein Prognosetool gäbe?

Einspeisen könnte man prospektive Daten und auf Knopfdrück liessen sich Szenarien rechnen. Das wäre für Gemeinden, Kantone und Regionen sicher äusserst hilfreich. Diskussionen zur künftigen Entwicklung würden auf eine ganz neue Grundlage gestellt. Die Veränderung von Parametern könnte durch kluge Algorithmen nachverfolgt werden. Um solche Trendberechnungen anstellen zu können, sind natürlich sehr viele Daten nötig. Und diese müssten öffentlich verfügbar sein. Technisch ist das sicher zu bewerkstelligen. Die Frage ist bloss, mit was für einem Aufwand.

Ihr

Bruno Hofer

05.05.2022