Ich habe ihn eigentlich nicht wirklich sehr gut gekannt. Aber er ist mir aufgefallen. Der Mann aus dem Tessin mit dem lächelnden leicht melancholischen Blick. Ein paar Mal bin ich ihm in der Wandelhalle im Bundeshaus begegnet.

Borradori, der zwischen 1991 und 1995 Nationalrat war, gehörte ja einer Partei an, deren Leben erst am Anfang stand. Ein politischer Aussenseiter in Bern. Aber nicht als Tessiner. Tessiner im Bundeshaus gehören letztlich alle zu derselben Fraktion: Zur Sonnenstuben-Fraktion. So trafen sie sich auch – zumindest in jener Zeit als ich noch dort dabeisein durfte – als kunterbunte Parteifarbentruppe mit einzelnen Bundesräten zum Austausch. Und schlossen auch Silva Semadeni (1995-1999 sowie 2011-2019) ein, die Sozialdemokratin, die italienisch spricht, auch wenn sie im Kanton Graubünden gewählt wurde. Es waren ungezwungene Anlässe, Abendessen, geselliges Beisammensein, und Flavio Maspoli (1991 – 2003) spielte Klavier.

Marco Borradori war also ein Mann, der seine Karriere ganz zuoberst begann, im Bundeshaus. Er war Nationalrat. Wurde erst danach Tessiner Regierungsrat (1995 – 2013) und krönte seine Laufbahn danach mit dem Stadtpräsidium von Lugano (ab 2013).

Zeigt seine Laufbahn, wo wirklich die höchste Stufe der Schweizer Politik angesiedelt ist? Nämlich auf kommunaler Ebene? Ich finde, irgendwie schon. Es möge ein Trost sein für all jene, die in der Schweiz auf Gemeindeebene ein Spitzenamt ausüben, in gewohnter Ochstentour-Manier nach Höherem streben und es irgendwie dann doch nicht schaffen: Marco Borradori hat es gezeigt: Das höchste aller politischer Ämter ist das kommunale. Und auch das Schwerste. Auch das beweist uns Borradoris Schicksal. Als Sindaco von Lugano hatte er einen zunehmend schwereren Stand. Die Probleme waren vielfältig und wogen schwer. Die Auseinandersetzungen waren heftig und der Druck auf ihn kam von allen Seiten. Wie es halt oft auf Gemeindeebene ist.

Die grosse Erfahrung auf Bundes- und Kantonsebene hat Marco Borradori sicher genützt und ihm geholfen, die politischen Probleme richtig zu analysieren und anzupacken. Dennoch liest man von vielen, die einen Nachruf auf ihn verfassen, er habe gelitten.

Die kommunale Ebene ist somit keineswegs zu unterschätzen. Das Amt eines Gemeindepräsidenten ist nicht ein Trainingslager für möchte-gerne Hobby-Politiker. Es ist und bleibt Knochenarbeit der härtesten Sorte. Und mancher schon ist daran zerbrochen und hat den Bettel hingeschmissen. Die beiden Aargauer Gemeinden Würenlingen und Spreitenbach sind nur einige jüngste Beispiele.

Gerade auch das Schicksal von Marco Borradori zeigt: Die Last auf der kommunalen Ebene wird oft unterschätzt und auch zu wenig honoriert. Viele halten das Meiste von dem, was ein Gemeindepräsident, eine Gemeindepräsidenten aushalten und austarieren muss, ohne mit der Wimper zucken zu dürfen, für eine Selbstverständlichkeit. Es ist sie nicht.

Ihr

Bruno Hofer

(Ex PM BR KV)

16.08.2021