Anforderungen der Zukunft sollten früh antizipiert werden. Dies ist die Auffassung von EspaceSuisse, dem Verband für Raumplanung in der Schweiz. Aus diesem Grund hat die Organisation einen Bericht verfasst, in dem die künftigen Trends, die sich aus der Corona-Pandemie ergeben, nachgezeichnet sind. Die Fragestellung lautet: Welche Folgen hat die Pandemie längerfristig für die Raumplanung in Städten und Gemeinden der Schweiz?

Die Studie geht davon aus, dass unser Lebensmodell sich dauerhaft verändert wird. Seitenblick: Die Pestzüge im Mittelalter auch in Zeiten des dreissigjährigen Krieges sind gemäss Experten auch Mit-Auslöser einer völlig neuen Denkweise, die in den Rationalismus führte (vgl. Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit).

Büros werden dezentraler werden. Der Platzbedarf steigt. Zuhause will man mehr Platz zum Arbeiten haben. Der ideelle Wert des Eigenheims als Rückzugsort und Quelle von Gestaltung steigt. Dies sorgt für eine höhere Nachfrage nach Wohnfläche gerade auch in peripheren Regionen. Der Druck auf den Boden steigt, oder der Zwang zur Verdichtung.

Die Zunahme des peripheren Arbeitens dürfte zu einem Rückgang, respektive zu einer Verlagerung des Pendlerverkehrs führen. Es wird einerseits weniger gefahren, anderseits wird der öffentliche Verkehr gemieden: Folge: Das Generalabonnement lohnt sich kaum mehr. Es wird umgestiegen auf die Strasse.

Das Thema Stadtflucht wegen Corona wird in der Studie etwas kontrovers beurteilt. Zum einen wird von einer gewissen Stadtflucht ausgegangen, anderseits jedoch auch von einer Aufwertung. Wer in der Stadt verbleibt (und das dürften vor allem junge Erwachsene und Senioren sein), wünscht sich mehr Grün und Naherholung und kurze Wege. Man habe den Wert der persönlichen Begegnung neu schätzen gelernt. Eine anonyme Dichte wird zu vermeiden gesucht.

Der Onlinehandel dürfte sich etablieren. Geschäfte werden schliessen müssen. Corona bringe somit keine grundsätzlich neue Situation, aber bestehende Trends dürften sich verstärken. Hinzu kommt, dass aufgrund von Home-Office die Einkäufe sich weg von Zentren verlagert haben. Wer tagsüber schon zuhause ist statt im Büro in der Stadt, der kauft auch in Zentren weniger ein.

Die Nutzung von Erdgeschossen in Ortskernen wird sich diversifizieren und anpassen müssen. Die Immobilienbesitzer sind hier neu aufgerufen, sich zu beteiligen. Sie sind neu viel stärker in der Pflicht. Ein Diversifizierungsprozess dürfte einsetzen und hier müssen die Hauseigentümer mit ins Boot geholt werden. Dabei ist die momentane Rendite im Erdgeschoss einer langfristigen und umfassenderen Sicht auf allen Etagen gegenüberzustellen. In Erdgeschossen können neue Nutzungen stattfinden: Non-Profit-Läden, Startups, Beratungen, soziale Angebote, Kultur, Gesundheit oder eine Kombination davon wie beispielsweise in Beispielen in Deutschland.

Kurze Wege werden zu einem Qualitätsfaktor. Während der Corona-Krise hat die Bevölkerung die räumliche Nähe von Wohnen, Arbeiten, Versorgung, Gastronomie und Begegnung ganz neu schätzen gelernt. Das «24-Stunden-Quartier» (Wohnen und Freizeit an einem Ort) ist ein neues urbanes Modell, das auch auf dem Land Schule machen dürfte. Neue Modelle für die ältere Bevölkerung werden dabei denkbar. Viele möchten nicht mehr in ein Heim gehen, sondern zuhause bleiben. Das «Altersheim» wird zum Schreckgespenst für viele. Die Gastronomie bleibe eine wichtige Stütze der Begegnungsfunktion im Ortskern. Gewährte Freiheiten im Aussenraum können zu neuen Impulsen für die Ortskerne führen.

Fazit für die Zentren: Es gilt nun in Konzepten die neuen Trends der Freude an Nähe und grüner Kernzone zu verbinden mit der allenfalls veränderten Nutzung von Räumlichkeiten. Hierzu sollen und können die Gemeinden und Städte «City-Manager» einsetzen.

Der Tourismus wandelt sich. Er wird sich mehr auf Regionalität, Authentizität und Individualität konzentrieren. Dies wird neue Strukturen nach sich ziehen die kleinräumiger sind.

Die öffentliche Hand müsse gestärkt werden. Sie werde ihre Rolle als lenkende Kraft verstärkt wahrnehmen müssen. Es habe sich eindeutig gezeigt, dass die raumplanerischen Instrumente träge sind und schlecht auf Veränderungen im Marktgeschehen abgestimmt werden können. Hier bestehe ein grosses Bedürfnis nach zügigeren Verfahren und qualitätsorientierten statt auf die Normgebung abgestimmte Planungsprozessen.

Herausgeber der Studie ist EspaceSuisse, der Schweizer Verband für Raumplanung und Umweltfragen in Bern. Er berät Städte und Gemeinden in planerischen und juristischen Fragen der Raumplanung. Er organisiert Kurse und Tagungen für Gemeindevertreter und Fachleute. In Studien bereitet er Fachthemen auf. Die Studie fasst vorliegende Literatur zusammen und bezieht einen Kreis von Experten mit ein.

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Ihr

Bruno Hofer

04.09.2021