Spontanrücktritt eines Gemeindepräsidenten

«Das isch doch kei Art», höre ich viele in meinem Umfeld sagen, wenn Sie die Zeitung lesen in der steht, dass Gemeindepräsident André Zoppi in Würenlingen nach 18 Amtsjahren Knall auf Fall zurückgetreten ist. Ich versuche ihn in Schutz zu nehmen: Es sei seine Freiheit, erwidere ich, wenn etwas zuviel sei, sei es zuviel. Wohl habe er ein Zeichen setzen wollen in aller Öffentlichkeit. Die Würenlinger Welt gehe deswegen doch auch nicht unter. Der Kanton habe seinen Rücktritt ja bereits genehmigt. Es bleibt aber dabei. Eine gute Sache ist so etwas nicht. Ein Amt hat Würden und Bürden, und das wissen alle, die sich einer Wahl stellen. Wenngleich wohl viele nicht damit rechnen, etwas zu erleben, das sie an den Rand der reagiblen Resilienz bringt. Und jetzt sind wir beim Punkt: Die Resilienz. Wer dieses Element ins Spiel bringt, bricht aus der Bewältigungskaskade «Verständnis» «Unverständnis» für den Spontanentscheid aus. Das Thema erhält eine andere Ebene. Sie ähnelt jener, die man «mildernden Umständen» beimisst in rechtlichen Belangen. Mit seinem Rücktritt zeigt Zoppi auf seine Amtskollegen und auf den Team-Spirit. Massnahmen zur Team-Entwicklung hätten nichts gebracht, sagte er. Vielleicht wäre aber ein Resilienztraining für alle ein Weg gewesen, um die Auseinandersetzungen zu entschärfen. Denn eines ist sicher: Überall in der Politik gibt es Streit und Lärm. Das gehört nämlich einfach dazu. Auf Gemeinde-, Kantons- und auch – ja ich darf das sagen, auf Bundesebene. Es ist nicht nur der Gemeinplatz «wo gehobelt wird – da fallen Späne» anzuwenden. Es geht nicht selten schon einiges rauer zu und her. Denn in Gremien prallen halt Interessen aufeinander, die nicht versöhnt werden können, weil sie sich ausschliessen. Es geht nicht nur um Gesichtswahrung, sondern oft um sehr handfeste Interessen, die nicht zu teilen sind. Das ist normal. Man mag es bedauern oder nicht. Dicke Haut und breite Rücken sind auch gute Voraussetzungen, um in Exekutiven Bestand haben zu können. Gewisses kann man ja sogar trainieren. Aber alles eben nicht. Das ist schon klar.

Umgekehrt bin ich der Meinung, allzuviel Harmonie könnte einiges überdecken. Wenn es heisst: „Bei uns nicht. Wir haben es so gut zusammen.“ Dann werde ich skeptisch. Die Wohlfühl-Phrase erinnert mich dann an die Geschichte vom Frosch, der ins kalte Wasser stieg und das stetige wärmer werden ignorierte, bis er gargekocht war. In Gremien braucht es den Mut zur Streitkultur. Auseinandersetzungen müssen geführt werden. Es darf auch nicht sein, dass alle einem Platzhirsch hinterherrennen und den Clinch scheuen. In den USA gibt es einen treffenden Ausdruck dafür. Don’t be gun shy: Fürchte nicht den Lauf der Pistole.

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