Der (un)glückliche Gemeindepräsident

Liebe Gemeindeverantwortliche

Ist doch ein schönes Gefühl nicht wahr, so richtig unglücklich zu sein wegen all dem vielen Elend das einem widerfährt. Man ist dann so schön schuldlos. Je unglücklicher desto befreiender ist es. Schliesslich wurden in der Menschheitsgeschichte nur jene Bücher verschlungen, die vom Unglück handelten. Man denke doch nur an Dante‘s Inferno.

Genau!

Deshalb kommt Sie hier. Die geheime Anleitung zum Unglücklichsein in der Exekutive. Ausschliesslich für Sie. Für den Gemeindepräsidenten.

Hier sind die ersten beiden Schritte zum Erfolg:

1

Auf unserem Weg zum tragischen Gemeinde-Leben dürfen wir uns auf keinen Fall von irgendwelchen gutgemeinten Ratschlägen durcheinanderbringen lassen. Die Leute haben alle überhaupt keine Ahnung.

2

Wir sind niemals Schuld an irgendetwas. Deshalb brauchen wir auch nie die Verantwortung zu übernehmen. Für alle Probleme sind grundsätzlich immer andere verantwortlich.

Hier nun ein paar Unglücklichkeitsübungen zur Illustration worum es geht. Ganz praktisch.

Die erste Übung ist die Verherrlichung der Vergangenheit. Früher war alles besser. Ist so. Versuchen Sie Ihre Gemeinde in der Vergangenheit durch einen rosa Filter zu sehen. Heute hingegen: Nur Probleme und Hindernisse, wohin man auch blickt.

Die zweite Übung besteht darin, in der Vergangenheit herumzustochern, um zu erkennen, was man damals hätte anders tun sollen. Schmücken Sie diese Erinnerung aus! Geniessen Sie diesen süssen Schmerz des Verpassten. Nur das lähmt Sie mit Garantie, aktuelle Probleme anzupacken.

Die dritte Übung erfordert etwas Vorstellungskraft. Sie planen, eine Vorlage in den Rat einzubringen. Machen Sie nun ja nicht etwa den Fehler, von Ihrer Vorlage überzeugt zu sein! Stellen Sie sich lebhaft vor, wie Ratsmitglieder A, B und C mit verschiedenen Argumenten dagegen votieren und geniessen Sie jetzt schon die aufkommende Ärger-Wärme in Ihrem Gesicht. Fühlen Sie heute schon sehr bildhaft das Scheitern. Damit Sie am Tag x getrost und entspannt sich zurücklehnen können mit der Genugtuung, es immer schon gewusst zu haben: Mit diesem Gemeinderat kommt man nirgendwohin.

Zum Schluss noch zwei ganz praktische Beispiele für den Alltag. Angenommen, Sie kommen am frühen Morgen ins Büro. Und schon gehts los:

Der Computer: natürlich spinnt er auch heute. Eine Applikation lässt sich nicht öffnen. Oder es dauert ewig. Tun Sie an dieser Stelle keinesfalls etwas anderes. Nehmen Sie keine andere Aufgabe in Angriff, die ihre Aufmerksamkeit vom aktuellen Computerproblem ablenken könnte. Nein: Bleiben Sie am Bildschirm, lassen Sie Ihrem Ärger freien Lauf! Fluchen Sie! Hämmern Sie auf der Tastatur herum, immer wieder. Nur so werden Sie Ihren Level von Unglücklichsein halten können.

A propos Computer: Stellen Sie die Mailbox so ein, dass jedesmal ein Klingelzeichen ertönt und eine Meldung unten rechts erscheint, wenn eine neue E-Mail eintrifft. Gehen Sie zudem zwingend davon aus, dass die Mail eine negative Nachricht enthält. Lesen Sie dann prinzipiell niemals eine Mail von oben links der Reihe nach bis unten ganz am Schluss. Nein: führen Sie Ihren geschulten Adlerblick gezielt auf jene Wörter oder Wortkombinationen, hinter denen der Absender mit Sicherheit einen negativen Unterton gegen Sie persönlich hat einbringen wollen. Nur das hilft Ihrem Unglücklichsein nachhaltig.

Wenn Sie all diese Ratschläge beherzigen, garantiere ich Ihnen einen grossen Erfolg.

Disclaimer: Die Anregung zu diesem Blog-Beitrag fand ich in der wieder mal hervorgeholten „Anleitung zum Unglücklichsein“ von Paul Watzlavick aus dem Jahre 1983.

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